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last update: 22.06.2010

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Madentherapie

Marianne Hintner

 

Bei der Madentherapie (auch: Biochirurgie) werden Maden der Goldfliegenart Lucilia sericata dazu eingesetzt, chronische Wunden von nekrotischem Gewebe und Bakterienbefall zu reinigen. Der medizinische Einsatz wird durch die Besonderheit möglich, dass die Goldfliegenmaden sich ausschließlich von abgestorbenem Gewebe ernähren; intaktes Gewebe wird geschont

 

Geschichte

Dokumente aus Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs und des ersten Weltkrieges berichten von verwundeten Soldaten, die mehrere Tage auf dem Schlachtfeld gelegen sind und deren Wunden mit tausenden Maden befallen waren, diese aber weder Anzeichen für Sepsis noch Wundinfektion zeigten. Dies veranlasste den amerikanischen Orthopäden William S.Baer nach 1920 zur wissenschaftlichen Entwicklung der Biochirurgie (Larventherapie).

 

Zwischen 1930 und 1940 wurden über 100 medizinisch-wissenschaftliche Publikationen zum Thema Madentherapie veröffentlicht. In über 300 amerikanischen Krankenhäusern wurde die Madentherapie in der Praxis angewandt. Vom Pharmaunternehmen Lederle wurden Maden zur Wundbehandlung kommerziell produziert. Die Biochirurgie erlebte eine Blütezeit und das Thema wurde genauer erforscht.

 

Mit der Einführung des Penicillins und neuerer Antiseptika geriet die Madentherapie jedoch ab Mitte des 20.Jhdt. allmählich in Vergessenheit.
Mit Auftreten von antibiotika-resistenten Keimen wurden Anfang der 90er Jahre mehrere Studien begonnen und die konventionellen Methoden mit dem biochirurgischen Debridement verglichen.
Die Anwendung von Fliegenlarven führte zu signifikant schnellerem Debridement und zu schnellerer Wundheilung als andere konservative nicht chirurgische Methoden.

In den letzten Jahren erfährt die Madentherapie eine Renaissance.
Ronald Sherman ist der Vater der der modernen Madentherapie. Er hat sie 1995 neu entdeckt und etabliert. Seine Studien und Erfolge erweckten weltweit das Interesse bei Medizinern

  • Seit 2004 von der Regulationsbehörde FDA als „Medical Device“ klassifiziert und zur Wundbehandlung zugelassen
  • In Deutschland Einstufung als Arzneimittel

Wirkungsweise

Das Verdauungssekret der Larven, das zur extrakorporalen Verdauung in die Umgebung abgegeben wird, verflüssigt Nekrosen und Fibrinbeläge. Diese werden von den Larven aufgesaugt und dienen ihnen zur Ernährung.
Gleichzeitig sind die Larven in der Lage antiseptische und antibiotische Wirkstoffe abzusondern, die eine antimikrobielle Wirkung haben, selbst gegen MRSA oder ORSA. Auch konnten in den larvalen Verdauungssekreten Wachstumsfaktoren gefunden werden, die eine zusätzliche Stimulation der Wundheilung hervorrufen.

 

Wirkmechanismen:


1.Debridement
durch proteolytische Enzyme, die Nekrosen und Wundbeläge verflüssigen, aber lebendes Gewebe nicht angreifen. Eine Larve kann pro Tag bis zu 0,3g nekrotischen Materials aus der Wunde entfernen. Extrakorporal abgegebene Verdauungsenzyme führen zu einer Verflüssigung von Nekrosen unter Schonung des vitalen Gewebes. Die enzymatisch aufgelösten Wundbeläge werden von den Fliegenlarven als Nahrung aufgenommen.
In den Ausscheidungen der Schmeißfliegenlarven konnten proteolytische Enzyme nachgewiesen werden. Durch Aufsaugen des enzymatisch angedauten Substrates kommt es zu rascher Abnahme des Wundbelages.
Die Bildung von Wundsekret unterstützt den Prozess der Wundreinigung durch einen Spüleffekt. Die Exsudatsteigerung ist ein typisches Zeichen für eine erfolgreiche Madenbehandlung.

2.Antibakterielle Wirkung
Die Goldfliegenmaden produzieren antibakterielle Stoffe und verschieben den pH-Wert des Wundexsudates durch Ausscheidung von Ammoniak und Ammoniakderivaten in den alkalischen Bereich. Dies führt zur Hemmung des bakteriellen Wachstums.
In-vitro-Untersuchungen zeigen eine eindeutige Wirkung gegen pathogene Keime inkl. MRSA.
Vorsicht bei manchen gram-neg. Keimen. Infektionen durch Pseudomonas.spp, E.coli und Proteus spp. lassen sich durch Madensekret nicht beseitigen.
Ein vorher durchgeführter mikrobiologischer Wundabstrich ist empfehlenswert.

3.Stimulation der Wundheilung
Infektbeseitigung und auch Wirkstoffe wie Allantonin, Harnstoff und Wachstumsfaktoren führen zu
schneller Neubildung von Granulationsgewebe. Die abgegebenen Substanzen stimulieren das Fibroblastenwachstum.


Nebenwirkungen

Selten empfinden Patienten mit oberflächlichen, schmerzhaften Wunden zusätzliche Schmerzen. Gelegentlich verspüren sie ein leichtes Kribbeln oder Jucken.


Indikationen

  • Osteomyelitis
  • diabetische Gangrän
  • Ulcus cruris
  • Dekubitus
  • Chronisch infizierte, therapieresistente Wunden
  • Nekrotisierende Tumorwunden
  • Nekrotisierende Fascitis
  • Thrombangitis obliterans
  • Akute posttraumatische und postoperative Wundinfektionen

Kontraindikationen

  • Nähe großer Blutgefäße
  • Wunden die mit Körperhöhlen und großen Organen in Verbindung stehen
  • laufende Zytostatika- oder Strahlentherapie
  • bei PAVK im Stadium IV
  • stark blutende Wunden, Blutungsneigung
  • Infektionen mit Pseudomonas, Proteus, E. choli

 

Anwendung


Fliegenlarven werden entweder als sog. Freiläufer in die Wunde eingebracht und mit Hilfe eines Netz-Käfigverbandes ausbruchsicher begrenzt oder mit teebeutelartigen Biobags appliziert

 

1. Wunde mit steriler Kochsalzlösung ausspülen, Maden mit steriler Pinzette auf Wundfläche legen.

- Bei der Behandlung im Biobag werden die Larven sicher verschlossen. Durch die dünne poröse Kunststoffmembran erreichen die Sekrete die Wundoberfläche und die Maden bleiben unsichtbar
- Bei der offenen Behandlung wird dicht am Wundrand entlang ein Hydrokolloidstreifen aufgebracht um eine schmerzhafte Irritation der intakten Haut zu vermeiden. Anschließend werden ca. 5 Larven pro Quadratzentimeter Wundfläche eingesetzt und das ganze Areal mit einem feinmaschigen Netz abgeklebt, so dass ein luftiger Madenkäfig entsteht

 

2. Verband mit steriler Kochsalzlösung befeuchteten, mit Gaze bedecken und mit durchlässiger Bandage

fixieren. Der Verband soll während der Behandlung nicht austrocknen, die Feuchtigkeit sollte zweimal täglich überprüft werdenSekundärverband soll Luftzirkulation zum Wundbett nicht einschränken. Die Sauerstoffzufuhr muss gewährleistet sein (bei Wundtaschen mit Hilfe von Abstandhaltern aus Schaumstoff).

 

3. Maden höchsten 5 Tage auf der Wunde belassen, abnehmen und im Restmüll entsorgen

Besonderheiten

  • Die Maden werden unter sterilen Kautelen gezüchtet
  • Sie können in Plastikröhrchen in der Apotheke bestellt werden
  • Sie sollen innerhalb von 12h nach Auslieferung aufgetragen werden, ansonsten kühl 4-8°C und lichtgeschützt gelagert werden
  • Pro cm² Wunde werden 10 Maden eingebracht, die Nylon-Gaze wird lückenlos wie ein Käfig auf die Wunde aufgebracht, damit die Maden aus der Wunde nicht entfliehen können. Kompressen decken die Wunde ab
  • Das Auftragen wird erleichtert, wenn die Maden frisch aus dem Kühlschrank kommen, sie sind dann nicht so beweglich
  • CAVE: nicht okklusiv verbinden, da die Maden sonst absterben
  • Die Anwendung wird bei größeren chronischen Wunden 3-5 mal wiederholt, können aber noch öfter durchgeführt werden
  • Maden sind Lebewesen, sie können verhungern, verdursten, ersticken oder ertrinken.

 

 

 

 

 

Literaturnachweis:


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