Leo Karner
Wundversorgung ist so alt wie die Menschheit selbst. Als Verbandsmaterial wurden Blätter, Harze oder Rinde verwendet. Aufzeichnungen darüber reichen bis in das dritte Jahrtausend v. Chr. zurück und stammen vorwiegend aus dem alten Ägypten. Die gefundenen Papyrusrollen enthalten unter anderem Beschreibungen von Verletzungen des weichen Gewebes. Als Verbandsmaterial bevorzugte man damals feines Leinen, welches mit Öl und Honig getränkt wurde. Im klassischen Griechenland (ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.) berichteten die großen Philosophen (z.B. Hippokrates) und deren Anhänger vom Unterschied zwischen scharfen und gequetschten Wunden und der davon abhängigen trockenen Heilung oder Eiterung. Auch sie benutzten feines Leinen als Verbandstoffe. Mit starkem Rotwein getränkte Leinenkompressen wurden als antiseptischer Wundverband verwendet. Tampons oder Dochte wurden zur Offenhaltung von Wunden eingesetzt.
Etwa ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurden in den römischen Schulen die Wundbehandlung (ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm diente als Wundverband) und Verbandstechniken verfeinert (in den galenischen Schriften wurden bereits 108 Verbände erwähnt). Mit dem Untergang des weströmischen Reiches ging hier auch das Wissen der antiken Medizin verloren. Das byzantinische Reich bewahrte jedoch das geistige Gut der Antike, welches über die Welt des Islams an das abendländische Mittelalter weitergegeben wurde.
Im Mittelalter wurde die medizinische Lehre stark vom Christentum geprägt und war lange an die Kirche gebunden. Mit Leinenbinden fixierte, rotweingetränkte Kompressen wurden zur Reinigung und als Verband verwendet. Paracelsus (1493-1541) verfasste „Die große Wundartzney“ in der er schrieb: „Im Hinblick auf die Wundbehandlung glaube ich davon ausgehen zu können, dass die Heilmittel den Zweck haben, die durch äußere Einflüsse vergifteten Dinge zu bekämpfen, aber nicht, neues Gewebe künstlich zu erzeugen“. Als Verbandsmaterial wurde, wie bereits in den Jahrhunderten davor, vorwiegend Leinen, Hanfwerg und Wolle verwendet. Im 18. Jahrhundert wurde der Hygiene wieder ein höherer Stellenwert zuteil: „Auch soll die Leinwand rein, weiß und wohl gewaschen seyn, ingleichen die Binden selbst, welche auf alte, garstige, flüssende und stinckende Schäden appliciret werden, sauber mit Lauge wohl gewaschen und öffters verneuert werden.“
Das 19. Jahrhundert wird zu Recht als Beginn der großen Erfolge in der Medizin bezeichnet. Die Entdeckung der Mikroorganismen und die Anästhesie stellten Meilensteine in der Entwicklung der Medizin dar. Eine fast immer auftretende Wundinfektion verhinderte bis in das letzte Jahrhundert hinein den großen Fortschritt in der Chirurgie.
Joseph Lister führte 1867 den mit Karbolsäure getränkten Wundverband ein. In den von Eiter und Wundbrand verseuchten Spitälern konnten die Todesraten deutlich gesenkt werden. Durch die Erfindung des Dampfsterilisators, dem Tragen von Gummi-Handschuhen und abgegrenzter OP-Bereiche wurde die Asepsis erst realisierbar. Mitte des 19.Jahrhunderts begann man mit der Herstellung von Carbol-Gaze. Mit antiseptischen Substanzen imprägnierte Verbände haben wesentlich zur Bekämpfung sekundärer Wundinfektionen beigetragen.
In das 20. Jahrhundert fällt die Entdeckung der Sulfonamide (1932) und wenige Jahre später die Einführung des Penicillins durch Alexander Flemming. Die oft unkritische Gabe von Antibiotika führte durch Selektion zur Entwicklung antibiotikaresistenter Bakterienstämme, welche nicht nur im Krankenhaus weitere Probleme entstehen ließen.
Vor allem die sekundär heilenden Wunden „feucht“ zu behandeln und nicht auszutrocknen gehört seit den Arbeiten von Georg Winter, publiziert 1962 in „Nature“, zum heutigen Verständnis der Wundheilung. Denn nur in einem permanent feuchten Wundmilieu finden die an den Reparaturprozessen beteiligten Zellen ideale Bedingungen.
Moderne Wundauflagen saugen mehr Wundexsudat auf, schützen die Wunde vor der Einwirkung äußerer Noxen und sind in der Lage ein heilungsförderndes feuchtes Wundmilieu zu schaffen. Weitere gentechnische Fortschritte oder die Entwicklung bioaktiver Wundauflagen werden vermutlich in absehbarer Zeit ein neues Kapitel in der Geschichte der Wundheilung schreiben.
Literatur:
H. Röthel, Geschichte der Wundheilung - Teil 1-3, Hartmann WundForum, 4/96, 1/97 und 2/97 |